Die romantische Vorstellung der Mehrhundehaltung
Die Vorstellung klingt zu schön:
Zwei (oder mehr) Hunde, die zusammen spielen, kuscheln, sich Gesellschaft leisten – während der Mensch beruhigt zur Arbeit geht, weil „der Hund nicht mehr allein ist“.
Doch genau diese romantische Idee ist häufig ein Grund, warum Mehrhundehaltung enorm unterschätzt wird.
Ich wurde vor einiger Zeit mit der Aussage konfrontiert, dass man sich einen zweiten Hund anschaffen will, weil der vorhandene Hund durch lange Arbeitszeiten viel allein ist - was mich auch zu diesem Blogartikel veranlasst hat.
So verständlich dieser Gedanke auf den ersten Blick wirkt – er sollte nicht der Hauptantrieb für die Anschaffung eines weiteren Hundes sein.
Denn am Ende bedeutet das oft:
Zwei Hunde sind allein, wenn der Mensch acht oder neun Stunden außer Haus ist.
Das soll ausdrücklich nicht heißen, dass Hunde nicht eine gewisse Zeit über alleine bleiben dürfen. Wir müssen arbeiten – sonst wäre Hundehaltung für viele Menschen gar nicht möglich. Gut aufgebautes Alleinbleiben ist absolut legitim und wichtig, wenn der Mensch dafür sorgt, dass alle Bedürfnisse des Hundes befriedigt sind und er im Ausgleich genügend Auslastung und Beschäftigung hat.
Aber:
Man kann sich auch zu zweit allein fühlen.
Und Mehrhundehaltung bringt deutlich mehr mit sich als nur Gesellschaft. Sie ist nicht immer harmonisch, nicht immer schön und schon gar nicht immer romantisch.
Sie kann grob, laut, anstrengend und manchmal ziemlich eklig sein – etwa dann, wenn ein Hund erbricht und der andere das als kulinarisches Highlight betrachtet.
Dazu kommen Konflikte zwischen den Hunden, ein deutlich erhöhter Managementaufwand für den Halter, häufig unterschätzte Gruppendynamiken, verändertes Verhalten bei Hundebegegnungen und deutlich höhere laufende Kosten.
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt der Mehrhundehaltung ist die Zusammenstellung der Hunde.
Insbesondere gleichgeschlechtliche Hunde, vor allem im ähnlichen Alter, zeigen erfahrungsgemäß ein höheres Konfliktpotenzial als gegengeschlechtliche Konstellationen. Mir begegnet in der Praxis zunehmend, dass Geschwister oder Hunde gleichen Alters und gleichen Geschlechts gemeinsam angeschafft werden.
Was im Welpenalter oft harmonisch wirkt, kann sich mit Eintritt der Pubertät deutlich verändern. Ab diesem Zeitpunkt kommt es nicht selten zu ernsthaften Auseinandersetzungen.
Gerade gleichgeschlechtliche Hunde im selben Entwicklungsstadium entwickeln häufig Probleme, die ein dauerhaftes Management oder sogar eine räumliche Trennung erforderlich machen. Eine solche dauerhafte Trennung ist im Alltag für viele Halter nur schwer umsetzbar und stellt eine erhebliche Belastung für Mensch und Hund dar.
Meine Erfahrungen, ergänzt durch Weiterbildungen, zeigen, dass ein Altersunterschied ab ca. vier Jahren zwischen Hunden häufig stabile und ausgeglichene soziale Strukturen begünstigt. Während der ältere Hund in der Regel sozial gefestigt ist, kann der jüngere von dieser Stabilität profitieren, ohne in Konkurrenz zu geraten.
Mehrhundehaltung kann unglaublich bereichernd sein, wenn die Hunde zueinander passen und der Mensch bereit ist, die Verantwortung zu tragen.
Sie kann aber auch sehr belastend werden, wenn genau das nicht der Fall ist.
Entscheidet euch also nicht aus Romantik oder schlechtem Gewissen für einen zweiten Hund, sondern aus Überzeugung – mit einem realistischen Blick auf Alltag, Kosten, Management, Verantwortung und die passende Zusammenstellung der Hunde.
Wenn du unsicher bist, ob Mehrhundehaltung für dich und deinen Hund sinnvoll ist, unterstütze ich dich gern vorab mit einer Beratung.
Dieser Text darf gerne geteilt, jedoch nicht verändert werden. Sämtliche Rechte verbleiben bei Josephine Lamnek.